Thema: "Grusel" (Platz 3 beim Monatswettbewerb Dezember 2009, Schreiblust-Verlag)
Veröffentlicht in Schreib-Lust Print, Ausgabe 20
Ebenfalls veröffentlicht in: Deutsch für Fortgeschrittene,
Hrsg: Dr. James Pfrehm
(Assistant Professor of German and Linguistics Ithaca College
Department of Modern Languages and Literatures Muller Faculty Center (607) 274-5139)
Der Anruf
Der erste Anruf hat mich noch nicht sonderlich beunruhigt. Da findet es wohl wieder jemand ausgesprochen witzig, laut in den Telefonhörer zu atmen, dachte ich und legte wortlos auf.
Nach einer Viertelstunde der nächste Anruf. Wieder das Atmen. Und wieder lege ich auf.
Es ist spät. Ich schalte den Fernseher ein, obwohl ich eigentlich schlafen gehen will. Beunruhigen mich die beiden Anrufe? Auf das Fernsehprogramm kann ich mich nicht konzentrieren. Ich schalte willkürlich von einem Sender zum nächsten.
Da. Schon wieder. Ich zögere. Langsam greife ich nach dem Hörer.
"Ja?"
Wieder nur das laute Atmen.
Sonst nichts. Kein Wort. Kein Hintergrundgeräusch.
Das Atmen wird lauter und schneller.
Ich mag das nicht. Es macht mir Angst. Ich lege auf. Mein Herz klopft schnell.
Ich starre auf den Fernseher. Eine Frau wird in einem Waldstück hinterrücks überfallen. Ein gellender Schrei. Mir stockt der Atem. Ich schalte den Fernseher aus.
So ein Blödsinn.
Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben. Tief durchatmen. Es ist nur jemand, der sich einen Scherz erlaubt. Niemand kann wissen, dass ich heute alleine im Haus bin. Niemand kann das wissen.
Es klingelt schon wieder. Ich zucke zusammen. Diesmal gehe ich nicht ran. Ich starre auf den Apparat. Sieben Mal, dann springt der Anrufbeantworter an.
Er zeichnet das laute Atmen auf. Vielleicht brauche ich es später als Beweismittel? Nein, rufe ich mich augenblicklich zur Ordnung und beschließe, noch einige Lampen einzuschalten. Erst in der Küche, dann im Schlafzimmer. Nun noch im Flur. Am besten auch in der ersten Etage.
Während ich die Treppe hochhetze, höre ich es wieder. Nein. Bitte. Ich will das nicht.
Ich presse meine Hände fest auf die Ohren und drücke mit dem rechten Ellbogen jeden einzelnen Lichtschalter, bis die ganze obere Etage hell erleuchtet ist.
Das Knarren der Treppenstufen lässt mich zusammenfahren. Aber es sind meine eigenen Schritte, die ich höre. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Und bleibe stehen. Ja, es sind nur meine eigenen Schritte.
Der Anrufbeantworter blinkt. Zwei Gespräche. Ich werde sie morgen abhören.
Morgen werde ich über meine Angst lachen.
Du darfst dich nicht in deine Angst hineinsteigern, stand in einem Buch. In welchem? Ist nicht so wichtig jetzt. Ich lasse das Licht brennen und werde ins Bett gehen. Es ist fast Mitternacht. Wann wird es wieder hell draußen? Ich rechne nach. Noch sechs Stunden. Vielleicht sieben.
Telefon. Schon wieder.
Ob ich jemanden benachrichtigen soll? Die Polizei? Besser nicht. Sie werden mich auslachen und sowieso nichts unternehmen können. Man kann erst etwas unternehmen, wenn etwas passiert ist. Aber was sollte passieren? Nichts, beruhige ich mich. Nichts wird passieren. Es ist ein Verrückter. Oder jemand, der sich langweilt. Verrückte machen verrückte Sachen. Und ich mache mich verrückt. Aus Angst. Jetzt. Ich habe Angst. Was ist eigentlich Angst? Was ist das für ein Gefühl? Es tut im Magen weh. Es lässt mich unruhig atmen. Es sitzt im Nacken.
Der Anrufbeantworter blinkt. Drei neue Anrufe. Nein, ich werde sie nicht abhören. Heute nicht. Morgen. Morgen, wenn es hell ist.
Es ist kurz nach Mitternacht. Mein Mund ist trocken. Ich muss trinken. Wasser trinken. Die Flasche ist zu fest verschraubt. Meine Hände sind feucht. Nein. Ich will nicht diese Angst haben. Ich halte ein Glas unter den Wasserhahn. In einem Zug trinke ich es leer. Und schaue zum Telefon. Es ist ruhig. Unheimlich ruhig. Das ganze Haus ist zu ruhig. Ich schalte das Radio ein.
"- am frühen Abend entflohen. Sachdienstliche Hinweise nimmt jede Polizeistation entgegen. Das Wetter -"
Mir stockt der Atem. Was war das? Jemand entflohen? Aus dem Gefängnis? Ist er das? Nein, ein Häftling würde nicht anrufen. Aber ein Geistesgestörter. Ja, ein Geistesgestörter würde anrufen. Telefonterror.
Verliere ich langsam den Verstand? Ich setze mich nah an das Radio. Vielleicht wird die Meldung wiederholt. Der Wetterbericht ist zu Ende. Rod Stewart singt ‚Waltzing Matilda'. Ich versuche, mich auf das Lied zu konzentrieren. Vergebens.
Ob die Nachbarn etwas merken würden? Hören sie, wenn jemand einbricht? Macht das Einbrechen Geräusche? Hebeln Einbrecher die Türen leise auf?
Ich springe hoch und stecke den Schlüssel von innen ins Schloss. Zweimal lässt er sich umdrehen. Ich kontrolliere die Rollläden. Alle sind unten. Im Erdgeschoss. Oben haben wir keine. Warum eigentlich nicht? Morgen. Morgen, wenn es hell ist, werde ich den Anrufbeantworter abfragen und Rollläden bestellen. Der Gedanke beruhigt mich. In Zukunft brauche ich nicht mehr solche Angst zu haben. Rollläden schützen.
Das Telefon hat lange nicht mehr geklingelt. Sicher schläft der Anrufer bereits. Fast muss ich bei dem Gedanken lachen.
Ich höre ein Auto vorfahren. Renne zum Fenster.
Da. Erschrocken fahre ich herum. Das Telefon. Es klingelt. Laut und bedrohlich. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Mir wird übel. Übel, vor Angst. Ich will nicht rangehen. Doch, ich muss. Ich kann das Läuten nicht mehr ertragen.
Der Hörer brennt wie Feuer in meiner zittrigen Hand. Ich sage nichts. Presse nur den Hörer an mein Ohr. Mein Herz schlägt so laut. Es soll damit aufhören. Bitte. Es soll normal schlagen.
Diesmal kein Atmen, am anderen Ende. Nur ein Rauschen. Ein leises Knacken. Ein Handy. Da ruft jemand über ein Handy an. Das Auto vor meiner Türe. Ich höre eine Wagentüre zuschlagen. Ich höre Schritte. Sie kommen auf mein Haus zu.
"Was soll das?", brülle ich panisch "Hören Sie auf. Lassen Sie mich in Ruhe." Meine Stimme beginnt zu zittern, "lass mich in Ruhe - bitte."
Ein leises Lachen am anderen Ende. Eine tiefe Tonlage. Eine Männerstimme.
Ich muss die Polizei rufen.
Meine Hände zittern. Mein Körper bebt. Mein Verstand funktioniert nicht mehr. Drei Zahlen. Ich muss drei Zahlen tippen. Mehr nicht. Drei Zahlen.
Es gelingt mir.
Die Schritte kommen näher. Die Steinchen im Vorgarten knirschen unter seinen Schuhen.
Ja, man werde die Streife vorbeischicken. Ich soll auf keinen Fall die Türe öffnen. Das Licht brennen lassen. Den Anrufer am Telefon hinhalten. Im Notfall flach auf den Boden legen.
Ich kann das nicht. Nein, bitte nicht auflegen.
Der Polizist bleibt am Apparat. Er spürt meine Angst.
In wenigen Minuten seien die Kollegen da. Ich soll ruhig bleiben. Er redet mit mir.
Ich soll von der Haustüre weg gehen. In einen Raum, aus dem ich raus kann. Durch ein Fenster. Oder durch die Terrassentüre.
Meine Beine wollen nicht. Über Funk spricht er mit der Streife. Noch zwei Minuten, sagt er.
Das halte ich nicht aus. Keine zwei Minuten.
Es klopft. Bumm bumm.
"Hilfe", flüstere ich.
Noch ein Klopfen.
"Gehen Sie von der Haustüre weg", sagt der Polizist ruhig, aber bestimmt, "gehen Sie in einen anderen Raum."
Ich kann nicht. Ich starre auf die Türe.
Bumm. Bumm bumm. Bumm.
Das Klopfen wird lauter. Eindringlicher. Energischer.
"Mach auf", ruft eine Männerstimme " mach auf. Ich tue dir nichts. Ich weiß, dass du alleine bist. Mach auf."
Tränen rinnen mir die Wangen herab. Nein. Geh weg.
"Ganz ruhig", redet der Polizist eindringlich auf mich ein, "gehen Sie von der Haustüre weg."
Langsam, ganz langsam gehe ich rückwärts. Ins Wohnzimmer. Ich muss ins Wohnzimmer.
Dann ein Knall. Ein Scheppern. Ich höre Glas splittern.
Das kleine Badfenster. Da ist nur ein Vorhang.
Atemlos presse mich an die Wand.
Die Rollladen sind einen Spalt offen. Ich sehe blaues flackerndes Licht.
Sie kommen. Mein Gott, sie kommen.
"Sie sind da", flüstere ich.
"Bleiben Sie am Apparat", sagt der Polizist.
Ich höre das Motorengeräusch. Bremsen. Autotüren schlagen. Schritte. Wieder das Knirschen der Steine. Ich höre Stimmen.
"Halt! Stehen bleiben! Polizei!"
Eilige Schritte. Jemand rennt durch den Garten. Stimmen werden lauter. Ich höre Gerangel. Ein Stöhnen. Dann ein Lachen. Unnatürliches Lachen. Kehlig. Ein Aufstöhnen. Gemurmel. Stimmengewirr.
Der Polizist in der Leitung spricht mit jemandem über Funk. Dann redet er wieder mit mir. Ich solle nun die Haustüre öffnen. Die Kollegen hätten ihn festgenommen.
Ich brauche keine Angst mehr zu haben.
Es ist vorbei. Sie sind da. Ich öffne die Türe.
Eine Polizistin nimmt mir den Hörer aus der Hand. Sie geht mit mir in die Küche, ich soll mich setzen. Ja, ich setze mich.
Sie sieht mich an.
"Gut, dass Sie angerufen haben", sagt sie leise.
Ich nicke.
Sie nimmt meine Hand.
"Gestern Abend ist jemand aus dem Landeszentralkrankenhaus geflohen."
Ich nicke wieder. "Ja", meine Stimme zittert, "ich habe etwas gehört. Eben, im Radio. Aber zu spät. Nicht alles."
Ein Kollege kommt herein und nickt der Polizistin zu.
"Er ist es."
Meine Hände sind eiskalt.
"Wieso", flüstere ich, "wieso wollte er ausgerechnet zu mir? Was ist das für ein Mensch? Ist er gefährlich?"
Der Polizist zögert einen Augenblick. Dann nickt er kaum merklich.
"Er ist krank. Ein Psychopath. Er sucht sich aus dem Telefonbuch Adressen heraus. Wahllos. Er ruft an. Spricht nicht. Später sucht er die Leute auf. Er will bewusst Angst und Schrecken einjagen. Er ist gewaltbereit. Und unberechenbar. Die Kollegen bringen ihn jetzt fort. Keine Sorge. Es ist vorbei."
Ja, es ist vorbei.
Aber ist es das wirklich?
Sitzt nicht die Angst in jeder Zelle meines Körpers?
© 2009, Gisela Reuter